19. Juli 2024

Stadtspaziergänge: Krieg und das Verschwinden der Zeitzeugen.

Robert Frö, renommierter Reporter der österreichischen Zeitung „Krone“, schlendert durch die malerischen Straßen von und führt inspirierende Gespräche mit den Bewohnern der Stadt über ihre Erlebnisse, Gedanken, Sorgen und Ängste. Diese alltäglichen Geschichten, direkt aus dem Herz Wiens, offenbaren tiefe Einblicke in das der Menschen und spiegeln die Vielfalt der Stadt wider.

Der Zweite Weltkrieg war in meiner Familie (bedauerlicherweise) nie ein zentrales Thema. Aus verschiedenen Gründen hatte ich nie das Privileg, einen Großvater kennenzulernen, da sie alle vor meiner Geburt verstarben. Meine Großmutter, geboren im Jahr 1926, erlebte die Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus erster Hand. Die traumatischen Erlebnisse hinterließen tiefe Narben in ihrer Seele, sodass sie nur widerstrebend über diese Zeit sprach. Trotz meiner bemühten Versuche, ihre Schutzmauer aus Schweigen zu durchbrechen, blieben die Erinnerungen an diese düstere Ära für mich größtenteils verborgen. Mit ihrem Tod vor elf Jahren verlor ich auch meine letzte direkte Verbindung zu einer Zeitzeugin.

Kürzlich beleuchtete ein umfassender Artikel in der angesehenen Zeitung „FAZ“ die besorgniserregende Tatsache, dass das allmähliche Aussterben der Zeitzeugen die Gefahr einer zunehmenden Verdrängung der birgt. Es ist erschreckend einfach zu begreifen, dass je weniger diejenigen berichten können, die das Grauen am eigenen Leib erlebt haben, desto mehr entfernt sich diese Zeit von uns. Die Berichte und Erfahrungen der Überlebenden wurden lange Zeit nicht ausreichend beachtet, und die Aufarbeitung der NS-Zeit in den Nachkriegsjahren war unzureichend. Statt sich intensiv mit Begriffen wie Nationalsozialismus, Holocaust und Konzentrationslagern auseinanderzusetzen, wurden diese Tabuthemen oft vermieden.

Österreich neigte dazu, sich in seiner Opferrolle zu suhlen und die Vergangenheit nicht angemessen aufzuarbeiten. Es bedurfte mahnerischer Worte von KZ-Überlebenden, um die Bevölkerung für die historischen Verbrechen zu sensibilisieren. Heutzutage sind KZ-Gedenkstätten leider nicht immer Orte der Erinnerung, sondern werden manchmal für geschmacklose Selbstinszenierungen missbraucht. Antisemitische Tendenzen sind nach wie vor präsent und zeigen sich in Vandalismusakten gegen jüdische Symbole und Gedenkstätten.

Die jüngsten Vorfälle von Hasskriminalität in Wien und anderswo sind erschreckend und mahnen zur Wachsamkeit. In einer Zeit, in der die letzten Zeitzeugen langsam verschwinden, ist es umso wichtiger, die Erinnerung an die Geschichte wachzuhalten. Die Idee, mit Hologrammen und künstlicher Intelligenz als Zeitzeugenersatz zu arbeiten, mag technologisch ansprechend sein, doch vermag sie nicht die emotionale und authentische Kraft einer persönlichen Erzählung zu vermitteln.

Es liegt an uns allen, mit Respekt, Toleranz und Offenheit durch das Leben zu gehen und sicherzustellen, dass die Schrecken der Vergangenheit sich niemals wiederholen. Auch wenn die Zeitzeugen uns langsam verlassen, sollten ihre Geschichten und Erinnerungen für immer in unseren Herzen bleiben.